Der Mensch plant …

… die Götter lachen sich scheckig.

Mal sehen, ob der nächste Anlauf klappt.

Grimo & Irja.

Kleine Pause

Seid gegrüßt, alle miteinander,

wir müssen uns & Geschriebenes erst einmal wieder sammeln. Bis Ende Juni ist also erst einmal Pause hier, dann soll es weitergehen.

Grimo & Irja.

Mehr Fragen als Antworten

Auch in anderer Hinsicht erwiesen sich Drost Meluk und Litterata Bonmarzo als sehr praktisch.

Zum einen waren sie die angenehmsten Reisegenossen, die wir uns für die Rückreise hätten wünschen können. Sie unterhielten sich sogar klaglos (und sehr angeregt) mit Frider, wenn ich in Gedanken an die Kapellenweihe versank oder anfing, einen Zipik’yarr-Hymnus zu summen.

Zum anderen wußten sie, wie man mit den Tolefazen umgeht!

Eigentlich ganz einfach, wenn man es weiß: Man halte sich unbedingt an den deutlich sichtbaren Weg, unterhalte sich über ein anregendes Thema (notfalls den neusten Klatsch aus der Vogtei) und bimmele, um ganz sicherzugehen, mit hell klingenden Glöckchen. Drost Thaban und Litterata Bonmarzo hängten einfach ein paar an die Trensen der Pferde. Sie hatten genug, um auch uns zu feien.

Ich glaube allerdings, daß wir diese Abwehr gar nicht gebraucht hätten. Sobald wir das Gebiet der Speuckenhait erreichten, lenkte Thaban das Gespräch nämlich auf den Hintergrund der Kapellenweihe, und ab da hätte kein tolefazischer Spuk unsere Sinne und Gedanken mehr für sich vereinnahmen können!

Die ganze Sache stinkt zu allen Sternen!

Da war also dieser erste Anschlag auf Reichsheermeister Brenno Kuipen gewesen. Auf dem Gut Bockskappeln, das Karnsteins und Frau Erlas Liebhaber Rul Holder verwaltet hatte, dessen Besitzer aber Kuipens Adlat-Ritter Elgin Wendroth gewesen war. Welcher wiederum bei diesem Anschlag ums Leben kam, als er seinem Dienstherrn das Leben rettete. (Während die Schanurka-Priesterin getötet, das Heiligtum entweiht wurde.)

So weit, so schlecht. Offenbar waren immerhin Attentäter gefaßt worden, zumindest Leute, die dafür ausgegeben wurden. Die man aber nach Urbinien schickte, statt sie vor Ort zu richten.

Nicht gänzlich ungewöhnlich bei einem solchen Anschlag, aber doch etwas undurchsichtig. Umso mehr, als es nachher keinerlei Nachrichten über einen Prozeß, Hintergründe, weitere Erkenntnisse oder sonst etwas gab, wie uns auch Litterata Bonmarzo bestätigte. Und wenn eine Litterata, Priesterin der Weisheit und des Wissens, das sagt, dann stimmt es auch.

(Eine Litterata tauscht Briefe mit Leuten aus jedem Winkel des Lobesamen Reiches und darüber hinaus. Dazu liest sie regelmäßig mindestens drei oder vier offizielle Nachrichtenblätter und hat selbstverständlich Kontakt zu sämtlichen Tempeln der Umgebung.)

Es war also nichts weiter mehr über diesen Fall bekannt gemacht worden. Dabei hätte es noch manches zu berichten gegeben: Zum Beispiel, daß zwei oder drei Attentäter entkommen und spurlos verschwunden waren. Daß von den gefangenen nicht alle Urbinien erreichten. Daß Prozeß und Hinrichtungen „aus Sicherheitsgründen“ im Geheimen durchgeführt wurden.

Nichts davon beweist, daß die Sache einen ganz anderen Hintergrund hatte, als bisher behauptet. Aber es klingt nach einem großen Haufen Schmutz unterm Teppich.

Ritter Elgin Wendroth war noch nicht begraben, da fand der zweite, diesmal erfolgreiche Anschlag auf Reichsheermeister Brenno Kuipen statt. (Offenbar während der Trauerfeier für Wendroth!)

Attentäter diesmal: Kuipens eigener Knappe, der junge Ischarruku Lirrit Schubbaj! Unter Zauberzwang, wie behauptet wurde.

„Ja, aber das kam erst auf, als die Scharrukan unruhig wurden und genaue Untersuchungen forderten“, sagte uns Litterata Bonmarzo.

„Die dann unterblieben?“, fragte ich.

„Zumindest in andere Richtung gingen“, antwortete sie.

Und im Sande verliefen. Unser aller Meinung nach hatte es keinen „Zauberzwang“ gegeben. Lando Ajatuma hatte nichts dergleichen bemerkt, und auch in den ersten Berichten über das Geschehen (die Litterata zitierte fragliche Passagen aus dem Gedächtnis) wies nichts darauf hin.

Falls ein magisches Artefakt den Knappen beeinflußt hatte, so war jede Spur davon verschwunden, als die Untersuchungen begannen, und Lirrit Schubbaj selbst war tot. Frau Erlas Bruder, der Sonnentempler Gallo von Ellersheim, hatte ihm sofort nach der Tat den Kopf abgeschlagen. „Im ersten Zorn“, wie er anschließend gestand.

Die Tatwaffe? – Ein scharrukischer Krummdolch, wie ihn früher viele Scharrukan als Schmuck getragen hatten, bis das Gerücht aufkam, das sei eine Kultwaffe für Menschenopfer. Ein Erbstück Lirrits, das er nie getragen, aber oft herumgezeigt hatte.

War Lirrit Schubbaj der Mörder? – Der Tatwaffe nach ja. Und jeder hatte gesehen, wie er auf Kuipen zulief. Lando war außerdem aufgefallen, daß der junge Knappe tief erschüttert gewirkt hatte. Das war alles.

Ansonsten konnte jeder Kuipen ermordet haben. Jeder wollte „kurz vorher“ noch mit ihm geredet haben. Im Augenblick der Tat dagegen hatte der Reichsheermeister offenbar völlig allein im Raum gestanden.

Nach dem Tod Kuipens ernannten Reichsmeister und -räte Karnstein zum Ersten Reichsheermeister.

Er wiederum ernannte umgehend eine „Kommission gegen sorbulkische Umtriebe“ (die Litterata Bonmarzo als „vielleicht gefährlicher als die Umtriebe selbst“ bezeichnete), zieht jetzt Angriffstruppen an der Grenze zum Kalten Reich zusammen und hetzt noch ein bißchen mehr gegen die Scharrukan (und inzwischen auch die Lumbeséle), als er es vorher getan hatte.

Karnsteins Frau Erla von Ellersheim bekam das Gut Bockskappeln. Ob sie die Idee mit der Umwidmung des entweihten Schanurka-Tempels und dem neuen Namen hatte oder ihr Mann, muß offen bleiben. Auf jeden Fall bestimmte sie die neuen Verwalter, das scharrukisch-menschliche Ehepaar Waschentorn. (Ein bewußter Affront gegen ihren Mann? Auch das muß offen bleiben.)

Rul Holder, der Gutsverwalter, Liebling und Handlanger Karnsteins (und vermutlich auch Geliebter Frau Erlas) verschwand. Angeblich zog er in den Kampf gegen Sorbulk, um für seine Nachlässigkeit beim Schutz der Gäste zu sühnen. Dafür sollte immerhin sein Bildnis in der neuen Zipik’yarr-Kapelle stehen, in ehrendem (oder soll ich sagen: liebendem?) Angedenken …

Gallo von Ellersheim, der mit seinem Schwager Karnstein auf besserem Fuß gestanden hatte als mit seiner Schwester, tat für seine disziplinlose Zornestat Buße – und scheint jetzt der Anti-Sorbulk-Kommission anzugehören. Jedenfalls hat Drost Meluk seinen Namen kürzlich in einem entsprechenden Schreiben gesehen.

Lirrit Schubbajs Leiche wurde von seinen Verwandten abgeholt, die des offenbar von niemandem (außer vielleicht Kuipen und Lirrit) betrauerte Adlat-Ritter Elgin Wendroth auf dem Gut begraben. Hier und da gibt es inzwischen erste Geistergeschichten über ihn, das Übliche.

Und ich frage mich nun ein ums andere Mal: Was will die Herrin Zipik’yarr von mir?

Denn die Verbindung, die sie zwischen mir und diesem Rittertreu-Bockskappeln geknüpft hat, war mit Sicherheit kein Zufall.

Das Festmahl und der Morgen danach

Eigentlich hätte es Ziegenbock als Festbraten geben sollen … (Die beiden Hähne allein waren etwas wenig.) An Biligonds Stelle wurden rasch eine Ente und ein Ferkel geschlachtet, die keine Fürsprecher hatten, sowie eine zusätzliche Speckseite aus der Räucherkammer geholt.

Die Karnsteins und ihre Tafelgesellschaft wußten sich gegenüber einem Priester im Zustand des Akascharr (also mir) zu benehmen und hielten mich aus Tischgesprächen weitgehend heraus.

Später „mischte ich mich unters Volk“ (wie Frau Erla es leicht indigniert ausdrückte), sprach noch einmal mit Helmar und lernte die wahre Hymne an Sombak Mobotonga kennen, wie ich weiter oben schon beschrieben habe.

Am nächsten Morgen bekräftigte ich gegenüber den Rittertreuern wie den Karnsteins, daß Helmar und sein Ziegenbock unter Zipik’yarrs (und meinem) Schutz stehen.

Außerdem führte ich ein kurzes Gespräch mit Jungfer Faralda, ein noch kürzeres mit Hochwürden Alma Witting der Schnegelhaften, ein mittelkurzes mit Frau Erla und Fenno Zeidler (wegen der Betreuung der Kapelle) sowie ein sehr langes mit Lando Ajatuma.

Letzteres zum Mißvergnügen Friders, der gehofft hatte, dem Ritter den größten Teil des Altar- und Kapellenputzens überlassen zu können. – Nichts da! Das ist Novizenarbeit! Auch ich habe lange und oft genug Altarplatten, Blutschalen und Tempelböden geschrubbt!

Und ja, selbstverständlich wird nach Opferzeremonien geputzt. Zipik’yarr schätzt frisches Blut, kein altes. Keinesfalls sollte ein ihr geweihtes Heiligtum aussehen wie eine schlecht geführte Schlachterei – oder so riechen!

Schwerter und Opfermesser sind zu säubern, ebenso das Ornat. Möglichst bald und am besten mit Gallseife, Kalißsaft und einer kräftigen Bürste.

Als Novize habe ich es nur vermutet, heute bin ich davon überzeugt: Ronga hat eine Abmachung mit Zipik’yarr laufen! „Deine Gläubigen dürfen sich prügeln, soviel sie wollen. Aber nachher wird saubergemacht, und das Kommando dabei übernehme ich.“

Nur diesmal nicht. Diesmal half uns Nisaba, in Form einer magischen (oder zumindest alchymischen) Tinktur von Ardana Bonmarzo.

Eine Portion dieser Tinktur wirke wie der Zauber »Rubbelwams«, erklärte mir die Litterata, und zwar auf soundsoviel Handbreit Tuch. Da ihr Gewand nur wenig verschmutzt sei, lohne sich das nicht, es sei denn, sie nehme noch etwas hinzu, zum Beispiel meinen Waffenrock. – Ich ließ sie den Vorschlag nicht zweimal machen!

 

Akascharr

Schickte mich meine Herrin gegen einen zwölffach überlegenen Feind – in Augenblicken wie diesen zöge ich los, ohne mit der Wimper zu zucken!

Als wir aus der Kapelle heraustraten, fühlte ich mich, als stiege ich von einem Ehrenpodest herab. Mit den Füßen stand ich wieder auf demselben Erdboden wie alle anderen Sterblichen. Zugleich spürte ich noch immer den Blick der Herrin auf mir ruhen, spürte ihr Lob, ihre Zufriedenheit und kam mir vor, als sei ich einen Kopf größer als sonst.

Jetzt, wo ich das niederschreibe, hoffe ich wieder, die Herrin möge mich noch lange nicht in den Letzten Kampf schicken! Sondern mich ihr weiterhin in einer Form dienen lassen, in der ich zugleich auch für Euch, meine Kinder, und für Eure Mutter Marsilea sorgen kann.

Vorerst hatten wir allerdings unsere Blessuren zu versorgen. Ehren- und Weiheduelle werden nur selten richtig blutig ausgefochten, und viele Schläge und Finten sind untersagt, aber eine Klinge ist eine Klinge.

Blaue Flecke sind das Mindeste, was man bei solch einem Ehrenkampf davonträgt. Vor Jahren hat mir ein starker Gegner bei so einer Gelegenheit sogar drei Rippen gebrochen.

Und selbstverständlich versucht man der Mantis Blut zu opfern – möglichst das des Gegners, versteht sich, aber auch eigenes. Daher geht man nur leicht oder völlig ungerüstet in einen solchen Kampf und hält für danach Verbands- und Nähzeug parat.

Mir mußte diesmal nur ein kleiner Riß an der Schulter genäht werden. (Das spätere Auswaschen und Flicken des Waffenrocks war aufwendiger!) Lando hatte einen langen Schnitt am Arm eingefangen, war aber so ergriffen, daß er auch während des Nähens noch lächelte. Das kommt selten vor bei einem, der kein Priester ist!

Karnsteins Trabanten hatte ich an der Wange geritzt. (Was nur einem Ritter oder einem Streiter der Zipik’yarr erlaubt ist! Zu leicht kann so ein Streich ins Auge gehen.) Ich mußte ihm geradezu befehlen, sich den Schmiß behandeln zu lassen.

Seitdem frage ich mich noch mehr, wofür er sich kasteien will. Er selbst wollte es mir weiterhin nicht sagen, verzog sich bald und tauchte bis zu meiner Abreise nicht mehr auf.